Die teuersten Minuten im Lager tauchen in keinem Report auf. Warten auf Material, Suchen nach einem Stellplatz, Rückfragen nach einer unklaren Schichtübergabe: Solche Nebenzeiten binden Personal, ohne dass eine Palette bewegt oder ein Auftrag abgeschlossen wird. Weil sie sich keinem Auftrag zuordnen lassen, fallen sie erst auf, wenn die Leistung sinkt und scheinbar mehr Leute gebraucht werden.
1. Was Nebenzeiten sind
Nebenzeiten sind alle Zeitanteile, in denen keine direkte Wertschöpfung stattfindet. Typisch sind Warten, Wege ohne Ware, Suchen, Rückfragen und das Klären von Übergaben. Sie entstehen selten durch einzelne Fehler, sondern durch Layout, Zuständigkeiten und Abläufe, die nicht zusammenpassen.
Ein Rechenbeispiel zur Größenordnung
Die Annahmen sind frei gewählt. Wartet eine Person an 220 Arbeitstagen täglich 20 Minuten auf Material, sind das rund 73 Stunden im Jahr. Bei 50 Mitarbeitenden summiert sich das auf etwa 3.650 Stunden. Bei rund 1.650 Jahresarbeitsstunden je Vollzeitstelle entspricht das mehr als zwei Stellen, die bezahlt werden, ohne dass daraus Leistung entsteht.
Warum Nebenzeiten zur Margenfalle werden
- Sie erhöhen den scheinbaren Personalbedarf.
- Sie verlängern Durchlaufzeiten und verzögern Aufträge.
- Sie erzeugen Hektik, wenn verlorene Zeit am Schichtende aufgeholt werden muss.
- Sie bleiben unsichtbar, solange nur Output und nicht die Zeitanteile gemessen werden.
2. So findest du die Kostentreiber
Miete, Personal und Technik stehen in jeder Kostenstellenrechnung. Die versteckten Kosten liegen darunter, in schlecht abgestimmten Übergaben und Abläufen, die nicht synchron laufen. Sie gehören zu den indirekten Kosten und lassen sich keinem Auftrag direkt zuordnen.
Um sie sichtbar zu machen, reichen die Daten aus dem ERP-System meist nicht. Du brauchst Beobachtungen aus dem tatsächlichen Ablauf:
- Wann beginnt nach Schichtstart die erste produktive Tätigkeit?
- Wie lang sind die Wege je Auftrag im Schnitt?
- Wo entstehen Rückfragen, Wartezeiten und Blockaden, und wie oft?
Eine einfache Methode ist die Multimomentaufnahme: Zu zufälligen Zeitpunkten wird notiert, was jede beobachtete Person gerade tut. Aus vielen Stichproben ergibt sich ein belastbares Bild, welcher Anteil der Arbeitszeit auf Wege, Warten oder Suchen entfällt.
3. Fünf häufige Ursachen und was dagegen hilft
Lange Such- und Wegezeiten
Wenn mehr Zeit mit Laufen und Suchen vergeht als mit Kommissionieren, liegt es selten an den Menschen, sondern an Layout und Platzvergabe. Häufige Ursachen sind veraltete Belegungsmuster und fehlende Sortierung nach Zugriffshäufigkeit.
- Lagerplätze nach ABC-Analyse vergeben, Schnelldreher nah an Basis und Packplatz
- Pickzonen bilden, um Wege zu bündeln
- Belegung regelmäßig mit aktuellen Zugriffsdaten überprüfen
Unproduktive Wartezeiten
Ein Lkw kommt verspätet, die Rampe ist blockiert, die interne Versorgung hängt. Das Personal ist da, kann aber nicht arbeiten. Wartezeiten entstehen, wenn Bereiche nicht aufeinander abgestimmt sind.
- Status von Anlieferungen und Aufträgen in Echtzeit sichtbar machen
- Zeitfenster an der Rampe planen
- Ausweichaufgaben für Wartephasen festlegen
Unklare Schichtübergaben
Ist nicht dokumentiert, was begonnen wurde und welche Störungen es gab, startet jede Schicht mit Nachfragen und doppelten Wegen.
- Übergaben mit einer kurzen, festen Checkliste standardisieren
- offene Punkte schriftlich oder digital übergeben
- die Übergabe als feste Zeit einplanen, nicht als Nebenbei-Aufgabe
Fehlende Einarbeitung
Wer Abläufe, Scanner oder Lagerlogik nicht sicher beherrscht, braucht länger und macht mehr Fehler. Jede Nachbesetzung verursacht diese Kosten erneut.
- kurze, wiederholbare Schulungen direkt am Arbeitsplatz
- eine Qualifikationsmatrix, die zeigt, wer welchen Prozess beherrscht
- stabile Teams statt ständig wechselnder Besetzung
Doppelte Wege durch mangelnde Koordination
Zwei Personen holen dieselbe Palette, Nachschub kommt zu spät, Retouren werden mehrfach bewegt. Doppelte Wege entstehen, wenn niemand den Gesamtablauf im Blick hat.
- Aufgaben zentral und sichtbar verteilen
- Nachschub an Mindestbestände koppeln
- Wege regelmäßig stichprobenartig beobachten
4. Analysemethoden, die Nebenzeiten sichtbar machen
- Multimomentaufnahme: Stichprobenbeobachtung, welcher Anteil der Zeit auf welche Tätigkeit entfällt
- Wegeanalyse: Laufwege je Auftrag erfassen, etwa mit einer Spaghetti-Skizze oder Daten aus dem Lagerverwaltungssystem
- Wertstromanalyse: den Materialfluss vom Wareneingang bis zum Versand abbilden und Wartepunkte markieren
- Scannerdaten: Zeitstempel zwischen zwei Buchungen zeigen, wo Lücken entstehen
Wichtig ist, mit einer Frage zu beginnen und nicht mit einem Werkzeug. Wer weiß, wo er sucht, kommt mit wenigen Messungen aus.
5. Wo Technik hilft, und wo nicht
Digitale Werkzeuge machen Nebenzeiten sichtbar, schneller als Beobachtung von Hand. Echtzeit-Dashboards, Scannerzeitstempel und Simulationen eines geplanten Layouts helfen, Entscheidungen vor der Investition zu prüfen.
Neue Technik bringt allerdings nichts, wenn sie einen instabilen Ablauf nur digitalisiert. Bevor du investierst, prüfe, welche Prozesse tatsächlich instabil sind. Kleine, modulare Lösungen wie Pick-by-Voice, digitale Checklisten oder ein einfaches Störungsmonitoring sind oft sinnvoller als ein großes Systemprojekt.
6. Sieben Schritte, um Prozesskosten dauerhaft zu senken
1. Mach Nebenzeiten messbar
Beginne mit einer einfachen Erhebung: Wie viel Zeit vergeht zwischen Auftragsstart und tatsächlicher Bearbeitung, und wo entstehen Wartephasen?
2. Hinterfrage jede Bewegung
Jede Bewegung ohne Ware ist ein Kandidat für ein anderes Layout, eine andere Platzvergabe oder eine andere Reihenfolge.
3. Denk in Taktzeiten statt in Tageszielen
Ein Tagesziel zeigt erst am Abend, dass etwas fehlt. Taktzeiten zeigen Abweichungen, während sie entstehen.
4. Setz auf Schulung statt Schuld
Die meisten Prozessverluste entstehen aus Unwissen, nicht aus Unwillen. Kurze Schulungen direkt am Arbeitsplatz helfen, Abläufe zu verstehen und Verbesserungen selbst zu erkennen.
5. Digitalisiere gezielt
Erst den Ablauf stabilisieren, dann digitalisieren.
6. Führe kurze tägliche Rückblicke ein
Zehn Minuten am Board, was gestern gehakt hat und wer sich kümmert, verhindern, dass dieselbe Störung jede Woche wiederkommt.
7. Prüfe den Rahmen, nicht nur den Prozess
Manchmal liegt der größte Hebel im Einsatzmodell. Wer dauerhaft mit wechselnder Besetzung, Anlernzeiten und unklarer Verantwortung kämpft, sollte prüfen, ob ein anderes Modell besser passt.
7. Wann ein Werkvertrag die klügere Wahl ist
Im Werkvertrag übernimmt ein Dienstleister einen abgegrenzten Lagerbereich und schuldet ein vereinbartes Ergebnis. Personalplanung, Einarbeitung und das Ausfallmanagement liegen bei ihm, abgerechnet wird üblicherweise je Einheit statt je Stunde. Nebenzeiten sind dann nicht mehr dein Kostenrisiko, sondern Teil der Kalkulation des Auftragnehmers, der sie deshalb selbst senken will.
Das passt vor allem, wenn sich der Bereich klar abgrenzen und das Ergebnis messen lässt. Wird die Tätigkeit laufend nach Einzelanweisung aus deinem Team geändert, ist ein Werkvertrag nicht das richtige Modell. Mehr dazu, wie ein Ergebnisvertrag im Lager aufgebaut ist, liest du in unserem Beitrag dazu.
8. Fazit: Nebenzeiten kosten Geld und Handlungsspielraum
Nebenzeiten sind selten dramatisch, aber sie sind jeden Tag da. Wer sie misst, findet meist wenige Ursachen, die einen großen Teil erklären: Wege, Warten, Übergaben, Einarbeitung und Koordination. Viele davon lassen sich ohne große Investition beheben.
Allcox übernimmt seit 2002 operative Logistikbereiche auf den Flächen seiner Kunden, mit eigenen Teams und eigener operativer Steuerung. Wenn du wissen willst, ob sich das für einen Bereich deines Lagers eignet, sprich uns an.
Weiterführende Quellen:
FAQ: Versteckte Kosten im Lager
Was sind versteckte Kosten im Lager, und wodurch entstehen sie?
Versteckte Kosten sind Aufwände, die sich keinem Auftrag direkt zuordnen lassen, vor allem Nebenzeiten wie Warten, Suchen, Wege ohne Ware und Rückfragen. Sie entstehen durch Layout, unklare Zuständigkeiten, schlechte Übergaben und fehlende Einarbeitung.
Wie lassen sich Nebenzeiten messen?
Mit einer Multimomentaufnahme, einer Wegeanalyse, einer Wertstromanalyse oder über Zeitstempel aus Scannerdaten. Entscheidend ist eine klare Frage, etwa wo nach Schichtstart die ersten Minuten verloren gehen.
Welche Kennzahlen zeigen Effizienzverluste im Lager?
Hilfreich sind Picks je Stunde, Durchlaufzeit je Auftrag, Wegstrecke je Auftrag, Anteil produktiver Zeit an der Anwesenheit und Fehlerquote. Aussagekräftig werden sie im Verlauf, nicht als Einzelwert.
Wie wirken sich überhöhte Bestände auf die versteckten Kosten aus?
Hohe Bestände binden Kapital und Fläche, verlängern Wege und erschweren die Suche. Sie verursachen zusätzliche Umlagerungen und erhöhen das Risiko von Bestandsdifferenzen.
Hilft Automatisierung gegen Nebenzeiten?
Dort, wo Abläufe stabil sind und sich wiederholen, ja. Einen instabilen Ablauf macht Automatisierung dagegen nur schneller instabil. Deshalb zuerst messen und stabilisieren, dann automatisieren.
Was sind indirekte Kosten in der Lagerlogistik?
Indirekte Kosten sind Aufwände, die nicht einem einzelnen Auftrag oder Produkt zugerechnet werden können, etwa Führung, Planung, Einarbeitung, Wartezeiten, Nacharbeit und Verwaltung.



