Montagmorgen im Lager. Das Dashboard zeigt Dutzende Kennzahlen, fast alle grün: Auslastung im Zielkorridor, Kommissionierleistung stabil, durchschnittliche Versandzeit unter Plan. Am Vormittag ruft der wichtigste Kunde an. Zwei Paletten fehlen, eine kam einen Tag zu spät. Das Dashboard hat nicht gelogen. Es hat nur nichts gesteuert.
Datengetriebene Logistik heißt nicht, möglichst viele Zahlen zu sammeln, sondern wenige so zu verknüpfen, dass eine Abweichung eine Entscheidung auslöst. Für einen Werkvertrag in der Logistik reichen dafür meist vier Kennzahlen: Liefertreue (OTIF), Kommissioniergenauigkeit, Durchlaufzeit und Kosten je Auftragsposition. Dieser Beitrag zeigt, wie man sie misst, wie sie zusammenhängen und wie sie in den Vertrag kommen.
Warum Messen allein nicht steuert
Messen zeigt, was passiert ist. Steuern heißt, zu erkennen, warum es passiert, und gegenzulenken, solange die Abweichung klein ist. Viele Betriebe messen viel und steuern wenig, weil keine Kennzahl mit einer Entscheidung verbunden ist: Wer reagiert, ab welchem Wert, mit welcher Maßnahme?
Im Werkvertrag wird das wichtiger als im Eigenbetrieb. Der Auftraggeber kauft ein Ergebnis und führt die Beschäftigten des Dienstleisters nicht selbst. Er steuert also ausschließlich über vereinbarte Ergebnisse und deren Messung. Ohne klare Kennzahlen bleibt ihm nur der Weg über Anweisungen an einzelne Beschäftigte, und genau der führt aus dem Werkvertrag heraus. Woran das gemessen wird, beschreibt der Beitrag zur verdeckten Arbeitnehmerüberlassung.
OTIF: ob das Lieferversprechen hält
OTIF steht für „On Time In Full“ und misst den Anteil der Lieferungen, die pünktlich und vollständig ankommen. Die Formel: pünktliche und vollständige Lieferungen geteilt durch alle Lieferungen, mal 100.
Die Schwäche der Kennzahl: Sie gewichtet nicht. Ein Tag Verspätung zählt wie eine Woche, ein fehlender Artikel wie eine halbe Lieferung. OTIF ist deshalb das Alarmsignal, nicht die Diagnose. Fällt der Wert, zeigen die drei anderen Kennzahlen, woran es liegt. Für den Vertrag muss außerdem feststehen, was „pünktlich“ heißt: Warenausgang am Lager, Übergabe an den Spediteur oder Ankunft beim Kunden. Liegt der Transport nicht beim Dienstleister, gehört nur der Teil in seine Kennzahl, den er beeinflussen kann.
Kommissioniergenauigkeit: der stärkste Hebel
Die Kommissioniergenauigkeit misst den Anteil der fehlerfrei kommissionierten Aufträge oder Positionen. Ein falscher Griff, ein nicht gescannter Barcode oder eine abweichende Menge lösen eine Kette aus: Reklamation, Nachlieferung, Retoure, Aufwand im Kundenservice.
Diese Kennzahl wirkt auf alle anderen. Eine falsch kommissionierte Sendung ist per Definition nicht „In Full“ und senkt OTIF. Die Korrektur verlängert die Durchlaufzeit und erhöht die Kosten je Position. Gleichzeitig liegt sie vollständig in der Verantwortung des Dienstleisters: Einarbeitung, Prozessdesign, Scanpflicht und Kontrollen sind seine Sache. Wie Prozessdesign bei vielen kleinen Teilen aussieht, zeigt der Beitrag zu Pick und Pack in der Ersatzteillogistik.
Für die Messung muss feststehen, was als Fehler zählt (falscher Artikel, falsche Menge, Beschädigung), wo er festgestellt wird (Kontrollplatz, Warenausgang, Reklamation) und ob je Auftrag oder je Position gezählt wird. Je Position gezählt fallen Fehler in großen Aufträgen nicht unter den Tisch.
Durchlaufzeit: Die Schwankung ist das Problem, nicht der Durchschnitt
Die Durchlaufzeit reicht vom Auftragseingang bis zur Übergabe an den Versand. Wichtiger als ihr Durchschnitt ist ihre Streuung. Wer an manchen Tagen weit länger braucht als an anderen, muss dem Kunden den schlechten Tag als Standard zusagen, sonst bricht das Versprechen.
Beispiel (Werte frei gewählt): Ein Prozess braucht an drei Tagen der Woche 20 Stunden und an zwei Tagen 36 Stunden. Der Durchschnitt liegt bei gut 26 Stunden, zusagen kann das Lager aber nur 36. Ein Prozess, der jeden Tag 28 Stunden braucht, ermöglicht die kürzere verbindliche Zusage.
Für die Steuerung reicht deshalb nicht der Mittelwert. Sinnvoller ist der Anteil der Aufträge, die innerhalb der zugesagten Zeit fertig werden, und der Blick auf die Ausreißer: an welchen Tagen, bei welchen Auftragsarten und nach welchen Störungen sie auftreten.
Kosten je Auftragsposition: wo sich die Effizienz zeigt
Die Kosten je Position sind die Logistikkosten eines Zeitraums geteilt durch die bearbeiteten Auftragspositionen. Sie zeigen Unterschiede, die in Kosten je Auftrag untergehen, weil Aufträge unterschiedlich groß sind.
Drei Treiber verstecken sich hier häufig:
- Besetzung gegen Menge: Wird die Leistung je Stunde nicht verfolgt, laufen Schichten zu voll in ruhigen und zu dünn in starken Phasen.
- Doppelte Bewegungen: Paletten, die zweimal umgesetzt werden, und Wege, die sich nicht bündeln.
- Fehlerkosten: Jede Nacharbeit aus einem Kommissionierfehler landet hier.
Im Werkvertrag mit Preis je Einheit trägt der Dienstleister diese Kosten. Der Auftraggeber sieht sie trotzdem, sobald es um Preisanpassungen geht. Wie Abnahme und Kosten zusammenhängen, beschreibt der Beitrag zur Kostenkontrolle im Lager.
Wie die vier Kennzahlen zusammenhängen
Die vier Werte sind keine getrennten Ampeln, sondern eine Kette: Steigt die Kommissioniergenauigkeit, sinkt die Nacharbeit, die Durchlaufzeit wird stabiler, OTIF steigt und die Kosten je Position sinken. Umgekehrt löst ein einziger Kommissionierfehler vier Probleme auf einmal aus.
Daraus folgt eine einfache Regel für die Auswertung: Fällt OTIF, zuerst die Kommissioniergenauigkeit prüfen, dann die Streuung der Durchlaufzeit, dann die Bestände. Wer nur auf OTIF schaut, behandelt Symptome. Wer nur auf die Kosten schaut, spart an der falschen Stelle. Eine breitere Übersicht über weitere Logistikkennzahlen bietet der Beitrag zu KPIs in der Logistik.
Kennzahlen in den Werkvertrag bringen
Eine Kennzahl im Vertrag braucht fünf Angaben, sonst wird jede Abweichung zur Auslegungsfrage:
- Definition: was gezählt wird, je Auftrag oder je Position.
- Datenquelle: welches System gilt, und wer Zugriff hat.
- Zeitraum: täglich zur Steuerung, je Abrechnungszeitraum für Abnahme und Vergütung.
- Zielwert und Toleranz: aus einer Messung des Ausgangszustands festgelegt, nicht aus allgemeinen Branchenwerten.
- Ausnahmen: was nicht in die Kennzahl des Dienstleisters fällt, etwa fehlerhafte Lieferantenware oder verspätete Daten des Auftraggebers.
Über die Kennzahlen läuft auch die Abnahme: Die Vergütung wird nach § 641 BGB bei der Abnahme fällig, bei Abnahme in Teilen je Teil. Ein Abnahmetakt je Abrechnungszeitraum mit diesen Kennzahlen macht das handhabbar; die übrigen Vertragsbausteine stehen im Beitrag zu Werkvertragsklauseln in der Logistik.
Bonus und Malus: Vergütungsregel oder Vertragsstrafe
Viele Verträge koppeln die Vergütung an Kennzahlen: Zuschlag bei Übererfüllung, Abzug bei Unterschreitung. Wie das rechtlich einzuordnen ist, hängt an der Formulierung. Ist der Abzug als Strafe für nicht gehörige Erfüllung vereinbart, ist er eine Vertragsstrafe, die nach § 339 BGB verwirkt ist, wenn der Schuldner in Verzug kommt. Eine unverhältnismäßig hohe Strafe kann ein Gericht nach § 343 BGB herabsetzen, nicht aber, wenn ein Kaufmann sie im Betrieb seines Handelsgewerbes versprochen hat (§ 348 HGB). Die genaue Fassung gehört in die Rechtsberatung. Für die Praxis gilt: Schwellen und Beträge aus der eigenen Ausgangsmessung ableiten und so wählen, dass sie Verbesserung belohnen und nicht nur bestrafen.
Termintreue nach Verursacher trennen
Arbeitet der Dienstleister mit Subunternehmern, etwa im Transport oder in Spitzen, lohnt eine getrennte Messung je Erbringer. Sonst bleibt unsichtbar, wer die Werte nach unten zieht. Gegenüber dem Auftraggeber bleibt der Dienstleister verantwortlich: Das Verschulden von Personen, deren er sich zur Erfüllung bedient, hat er nach § 278 BGB wie eigenes zu vertreten.
Modellfall: grüne Ampeln, verärgerter Kunde
Modellfall (typischer Verlauf, kein Kundenprojekt): Ein Großhändler hat die Kommissionierung im Werkvertrag vergeben. Im Vertrag steht als einzige Qualitätskennzahl eine Fehlerquote je Auftrag, und die ist stabil. Trotzdem häufen sich Reklamationen großer Kunden. Die Auswertung je Position zeigt den Grund: Große Aufträge mit vielen Positionen enthalten fast immer einen Fehler, kleine fast nie, und je Auftrag gezählt fällt das kaum auf. Beide Seiten stellen auf Messung je Position um, legen eine Kontrolle für große Aufträge fest und schreiben die Ausnahmen für fehlerhafte Lieferantenware in den Vertrag. Das Warnsignal: eine Qualitätskennzahl, die nur einen Durchschnitt über sehr unterschiedliche Aufträge zeigt.
Hinweis: Die Angaben zu Vertragsstrafe und Haftung geben die gesetzlichen Grundregeln wieder, Stand 26.10.2026, und ersetzen keine Rechtsberatung.
Prüfen wir, welche Kennzahlen deinen Bereich steuern können
Allcox arbeitet nach eigener Angabe seit 2002 in der operativen Logistik. Im Werkvertrag in der Logistik übernehmen wir abgegrenzte Bereiche auf der Fläche des Kunden, mit eigener Teamleitung vor Ort und eigener operativer Steuerung. Wie das als Inhouse-Outsourcing aussieht, beschreibt die Seite zum Modell.
Welche Kennzahlen für deinen Bereich taugen und wie sie gemessen werden müssten, können wir an deinen Daten gemeinsam durchgehen.
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Häufige Fragen zu Kennzahlen im Logistik-Werkvertrag
Was bedeutet OTIF in der Logistik?
OTIF steht für „On Time In Full“ und misst den Anteil der Lieferungen, die pünktlich und vollständig ankommen. Die Kennzahl unterscheidet nicht zwischen kleinen und großen Abweichungen und sollte deshalb zusammen mit Kommissioniergenauigkeit und Durchlaufzeit gelesen werden.
Wie berechnet man die Kosten je Auftragsposition?
Die Logistikkosten eines Zeitraums werden durch die Zahl der bearbeiteten Auftragspositionen geteilt. Die Kennzahl zeigt Unterschiede, die in Kosten je Auftrag untergehen, weil Aufträge unterschiedlich viele Positionen haben.
Warum ist die Kommissioniergenauigkeit so wichtig?
Ein Kommissionierfehler senkt OTIF, verlängert die Durchlaufzeit durch Nacharbeit und erhöht die Kosten je Position. Im Werkvertrag liegt sie vollständig in der Verantwortung des Dienstleisters, deshalb eignet sie sich besonders als Vertragskennzahl.
Welche Zielwerte gehören in den Vertrag?
Zielwerte sollten aus einer Messung des Ausgangszustands im eigenen Bereich kommen, nicht aus allgemeinen Branchenwerten. Zum Zielwert gehören eine Toleranz, die Datenquelle, der Messzeitraum und die Ausnahmen, die nicht in die Kennzahl des Dienstleisters fallen.
Ist ein Malus im Werkvertrag eine Vertragsstrafe?
Das hängt an der Formulierung. Ist der Abzug als Strafe für nicht gehörige Erfüllung vereinbart, gelten die Regeln zur Vertragsstrafe nach § 339 BGB. Zwischen Kaufleuten kann eine solche Strafe nach § 348 HGB nicht gerichtlich herabgesetzt werden.


